BLUE NOTE

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(21.06.2004 aktualisiert)
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(26.10.2004 aktualisiert)
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© Christian Widermann 2003, 2004
Balearen - Madeira:
Ibiza - nicht nur ein Klischee:

Nach Traumklettereien auf Mallorca direkt über dem Meer und neben unserem Ankerplatz, fern ab von Ballermann und Co, zog es uns zum nächsten Ziel: Ibiza. Abschiedsessen waren zwei selbstharpunierte Brassen die herrlich schmeckten. Da wir Mallorca entgegen den Empfehlungen des Hafenführers im Uhrzeigersinn umrundeten, um die vom Tourismus verschonte und stark zerklüftete Nord- und Westküste kennen zu lernen, wurden wir mit ständigen Kreuzkursen bestraft.


Ibiza wollten wir im Uhrzeigersinn entsprechend den Empfehlungen des Hafenführers umrunden, was uns wieder zur schroffen Nord-Westküste mit noch relativ naturbelassenen Ankerbuchten und Traumtauchplätzen brachte. Ibiza stand ganz im Zeichen von Tauchen und Erholung. Vor dem Wind liefen wir von einer Traumsteilwand in Portinatx zu mehreren schönen Tauchplätzen nahe der Cala Birinijas mit eindrucksvollen Unterwasserhöhlen die durch viele natürliche Fenster den Blick auf Zackenbärsche, große Brassenschwärme, Muränen und das herrliche Blau des Meeres freigaben. Auf der Isla Murada hatten wir ein weniger angenehmes Erlebnis mit einem deutschen Tauchschulbesitzer, der sich um seine Tauchattraktionen sorgte und uns wegen der Harpune gleich fotografierte und die Polizei auf den Hals hetzen wollte. In Rekordzeit flüchteten wir zum Ankerplatz, legten ab und hatten einen eindrucksvollen Tauchgang bei den Unterwasserhöhlen der Islas Margarithas, diesmal ohne Harpune. Die im Hafenführer angepriesenen Traumankerbuchten Cala Badella und Cala Sahona waren aufgrund der dort ankernden Massen eher enttäuschend und besonders die Cala Sahona auf der Insel Formentor ist in meiner Erinnerung stark mit einer sechsstündigen Positionslichtreparatur verknüpft, da eine Lötstelle am mühevoll neu verlegten Kabel aufgegangen ist und wir wieder "Kabelfischen" aufgrund der erneut gerissenen Führungsleine spielen durften. In Vettermanns Buch "Die Irrfahrten des Barawitzka" schmunzelte ich noch über die Stelle, wo der Klabautermann die Bordelektronik vernichtete und die Ursache rätselhaft ungelöst blieb. Unser Positionslicht hat uns inzwischen gehörig Respekt vor dem Klabautermann eingeflößt - es funktioniert derzeit nur mehr nach einer gewissen "Aufwärmphase".
Unser abenteuerlichster Ankerplatz in Ibiza war die Untiefe La Bota vor der berühmten Felseninsel Es Vedra, die sich von 100 Metern Wassertiefe bis auf einen halben Meter unter dem Wasserspiegel auftürmt und mit ihren atemberaubenden Steilwänden und dem außerordentlichen Fischreichtum sicher auch der schönste Tauchplatz in Ibiza ist.
Mit dem Ballermann höchstpersönlich kamen wir erst in Ibiza Stadt in Berührung. Viele Touristen dort sind allerdings schon derart schräg, dass die Flaniermeile schon wieder eine zusätzliche Attraktion für Ibiza darstellt. Nachdem ein Liegeplatz in Ibiza Stadt an die hundert Euro / Nacht mit Wasser extra kostet zogen wir es vor unsere eigene Marina direkt unter der Burg und der Altstadt außerhalb des Wellenbrechers zu gründen. In Kürze waren wir umringt von anderen Fahrtenseglern, die im Hafen scheinbar auch nicht ganz das gefunden hatten, was sie suchten. Neben dem obligatorischen Eis nutzen wir auch die Gelegenheit unseren zweiten - inzwischen ja auch stark "erkrankten" - Autopiloten bei der hiesigen Simradvertretung zu reklamieren. Wir hatten aber nicht viel Hoffnung, da es in Ibiza keinen Generalvertreter, sondern nur einen kleinen Händler gab, der sicher keine Ersatzteile oder Ersatzgeräte hatte. Überraschenderweise nahm sich Mr. Dews von Dews Yachtelectronics, ein gebürtiger Engländer sogar in seiner Mittagspause Zeit unseren mehr oder weniger treuen Steuermann auseinander zu nehmen und ihm gemeinsam mit uns auf den Zahn zu fühlen, um das Rätsel des Autopilotensterbens auf der Blue Note zu lüften. Nach dem Tausch aller elektronischen Komponenten und mehreren Rücksprachen mit Simrad in England stellten wir fest, dass Simrad in der Baureihe mit der Seriennummer SY zu schwache Dauermagneten beim Ruderlagesensor einbaute und anstelle einer Rückholaktion einfach die defekten Geräte auf Kosten der Kunden auslieferte. Da auch hier kein Gerät gleicher Bauart lagernd war,e mussten wir wieder auf den teureren TP20 aufzahlen und hatten somit das Problem vorerst gelöst. Die wunderschöne Altstadt Ibizas tröstete uns über diesen kleinen Verlust hinweg und außerdem sollten morgen unsere Mitsegler Selma und Thilo kommen und mit denen soll es zu unserem nächsten Ziel weitergehen: Madeira.


Versöhnung mit Neptun - mit Spi nach Gibraltar:

Unser Treffen mit Selma und Thilo in Ibiza war schon spannend. Die beiden Münchner haben schon Atlantikerfahrung und haben sich aufgrund unseres Inserats im Internet gemeldet, um uns nach Madeira zu begleiten. Natürlich kannten sie weder uns noch wir sie und so warteten wir gespannt am Kai. Wir erkannten die Beiden mit ihren Seesäcken sofort und sie waren uns auf Anhieb sympathisch. Nun brauchte nur mehr Neptun auf unserer Seite sein und einer schönen Überfahrt stünde nichts mehr im Wege. Für das Captain´s Dinner fanden wir Mitten in Ibiza eine urige Kneippe wie eine kleine Insel Spaniens Mitten in der Diskometropole Deutschlands. Die Bedienung war freundlich, die Preise moderat und der Fisch hervorragend.
Als Ibiza außer Sichtweite war, stellte sich auch eine leichte Brise aus SO ein und wir steigerten uns mit dem Wind unter Spi schnell auf bis zu 10 Knoten. Natürlich kam was kommen musste - alles Schöne geht zu Ende - der Leichtwindspi vertörnte sich aufgrund der starken Kursabweichungen des Autopiloten und bei dem nachfolgenden Rettungsversuch opferte ich meine Lieblingssonnenbrille - die einzig Teure, die ich je kaufte - an Neptun. Zu guter Letzt riss auch noch der Spi zwei Meter lang auf und wir konnten fortan nur mehr mit dem dickeren und kleineren Standardspi fahren.
Die Opfer an Neptun (langsam glaube ich wirklich an diesen Unsinn) wurden verstärkt eingesetzt mit Whisky sowie gutem spanischen Reserva Rotwein und verhalfen uns tatsächlich zu einem Etmal von 150 Meilen. 30 Meilen vor Motril lässt uns der Wind im Stich und wir motoren weiter.
Die Nachtwachen sind recht gemütlich, da kurz - 3 Stunden Wache pro Nacht ist schon Luxus.


In Motril angekommen entdeckten wir spät abends eine urige Fischkneipe am Hafen und stimmten uns gleich mit einigen Gläsern Sangria auf den leckeren Fisch ein, während wir auf einen freien Tisch warteten. Ganz im Gegensatz zu Ibiza sah man hier keine Ausländer oder Touristen, vielleicht ist das auch mit ein Grund warum wir als Gastgeschenk während wir Sangria tranken einen Riesenberg Garnelen und kleine gebratene Fische auf den Tisch gestellt bekamen. Auch anders als wir es gewohnt waren wurden wir sehr freundlich behandelt - eben wie Gäste und nicht wie störende Touristen. Der Grund warum es hier keine Touristen gibt liegt allerdings auch klar auf der Hand: Der Hafen ist umgeben von diversen Industrieanlagen vom Getreidespeicher bis zur Erdölraffinerie. Die kleine stets überfüllte Sportbootmarina mitten drin wirkt eher wie ein Witz. Egal - mich erwartete die längste und anstrengendste Mountainbiketour meines Lebens: Der Pico Mullhacen in der Sierra Nevada - mit 3468 Höhenmeter der höchste Berg Spaniens. Wie sich leider während der Tour herausstellte waren die Zwischenanstiege in 40 Grad Hitze beträchtlich: Insgesamt waren 1000 Höhenmeter und 40 Kilometer abzukurbeln bis man endlich vor dem Gebirgszug wieder auf Meeresniveau stand. Da die Strecke auch wieder retour zu fahren war verabschiedete sich Conny hier von mir und ich kämpfte mich die nicht enden wollende, höchste Bergstrasse Europas durch unterschiedliche Vegetationszonen hinauf. Nachdem die Wüstenlandschaft unter mir war, durchfuhr ich eine eindrucksvolle Schlucht und das Landschaftsbild wechselte schlagartig. Neben der Strasse rannen Bäche vom Berg und Orangenbäume, Feigenbäume und andere mir unbekannte Fruchtbäume spendeten mir den langersehnten Schatten. Weiter oben wurde die Strasse zur Schotterstrasse und wurde umgeben von jungem Nadelwald. Den schneebedeckten Gipfel konnte ich schon sehen und entsprechend kühl wurde es auch plötzlich. So angenehm die Temperatur auch war, ich spürte langsam meine Kräfte schwinden. Mehrmals musste ich stehen bleiben, weil ich mich beinahe übergeben musste, die Hände und Füße waren taub. Obwohl der Gipfel schon zum Greifen nahe war musste ich umdrehen, um noch die 1000 Höhenmeter nach Hause schaffen zu können. Die (Tor)Tour dauerte 12 Stunden, ging über 140 Kilometer, 3700 Höhenmeter und war mit Abstand die anstrengendste Biketour meines Lebens.
Selma und Thilo hatten ebenfalls einen ereignisreichen Tag: Sie fuhren mit dem Bus nach Grenada um die legendäre Alhambra zu besichtigen. Wie ich immer schon sagte, zu Land ist es weit gefährlicher als zu Wasser: Selma hinkte uns mit einem einbandagierten Fuß und Krücken entgegen da sie beim "Busnachlaufen" eingeknickt war und sich den Fuß verknackst hatte. Die Alhambra hatten die Beiden leider nicht gesehen - dafür eine Menge Spitäler, Ärzte und Apotheken. Der Invalidentransport setzte sich sogleich weiter nach Malaga fort. Wir entdeckten leider, dass Malaga nicht den Flair verbreitete, den der Name verspricht und setzten die Reise nach einem letzten Einkauf und einem Cappuccino nach Gibraltar fort. Leider unter Motor, da Neptun ein bisserl schwächelte.
Im Morgengrauen gings unter Motor ganz unspektakulär vorbei an Europa Point und der Anker fällt gegenüber der legenderen Shepards Marina, die wirklich wie im Hafenführer erwähnt reichlich vergammelt ist aber die urigsten Fahrtenyachten und Seglercharaktere beherbergt. Einen Segelmacher für unseren Spi fanden wir zwar nicht dafür gab es in den zahllosen Zollfreishops günstigste Zigarren (eine für jede neue Insel) und zu Mittag natürlich die für England obligatorischen Fish´n Chips die äußerst lecker waren. Selma erkundete die Krankenhauswelt von Gibraltar um eine endgültige Entscheidung über ihre Weiterreise nach Madeira treffen zu können, während die restliche Crew die Daumen drückte und zu Fuß auf den legendären Rock "Apes Den" mit den Affen stieg. Wie zu Raubritterzeiten wurde auch von uns Fußgängern auf der Mautstrasse ein Sold von 4 Euro pro Person kassiert, während der eigentliche Fußweg, den wir leider erst beim Rückweg entdeckten, "zollfrei" war.
Die Affen waren allerdings wirklich die Mühe des langen Aufstiegs wert. Zwischen Menschen und Affen konnten wir tatsächlich verblüffende Ähnlichkeit feststellen. Richtig kurios wurde es als eine ganze Horde Touristen in mehreren vollklimatisierten Bussen und mit Erkennungsschildchen (Brandzeichen) an der Brust die frei herumlaufenden Affen besichtigen. Die eigentliche Attraktion waren, so fanden wir einstimmig die Touristen. Beispielsweise flitzte ein Affe auf ein Mädchen zu, riss Ihr eine volle Packung Chips aus der Hand und verzehrte an Ort und Stelle seine Beute. Auf der gegnerischen Seite gab es Tränen - der Affe wurde von den heldenhaften Eltern verfolgt, ließ vor Schreck die nur mehr halbvolle Packung fallen und der Inhalt ergoss sich auf die Strasse. Des Dramas nicht genug: Die Chips wurden von den Siegern eingesammelt und den wieder überglücklichen Kindern in die Hand gedrückt. Thilo, der dreiste Kerl, saß einem Affen im Weg und wurde auf das Brutalste weggeschuppst. Als dies durch die doch beachtliche Massenträgheit nicht den gewünschten Erfolg brachte biss der Affe einfach fest in Thilos Arm. Thilo vom wilden Affen gebissen und Selma mit Krücken! Ob das ein gutes Omen für unsere Überfahrt nach Madeira ist?
Selmas Bein war nicht gebrochen und damit stand die Entscheidung fest: Anker auf um 10 Uhr morgens. Da Ostwind gemeldet war sollten wir, wenn um 14 Uhr die Strömung kippt, problemlos aus dem Schwimmteich in das große Meer gespült werden. Voll bewaffnet mit Spi zogen wir mit 20 Knoten Rückenwind in den Kampf. Der Wind steigerte sich auf 35 Knoten und wir mussten abrüsten, bis nur mehr Genua ausgebaumt mit doppelt gerefftem Groß übrig war. Genau als das Mittagessen serviert war, begann das Meer plötzlich zu kochen. Meterhohe Wellen rollten aus allen Richtungen heran, türmten sich hinter uns zu Bergen von 4 Metern auf und brachen über uns mit lautem Knall. Das Boot war alleine kaum noch zu steuern. Gerade als mich Thilo ablöste kam eine besonders giftige Welle kombiniert mit einer Bö und beschleunigte uns auf unseren Rekordspeed von 17,4 Knoten. Als der 6 Tonnen schwere Bug das Wasser mit einer Geschwindigkeit durchpflügte, die locker schon zum Wasserschifahren gereicht hätte, blieb mir vor Ehrfurcht fast das Herz stehen. Eine meterhohe Bugwelle erzeugte ein Rauschen wie in einem Wildfluss während wir alle nicht so recht wussten, was mit uns geschieht. Also schnell die Genua weggerollt - schließlich wollten wir es ja nicht übertreiben. Trotzdem blieb das Boot bedingt durch die verrückten Wellen fast unsteuerbar und surfte mit über 15 Knoten munter durch die Gegend. Ein Blick auf das GPS war etwas entmutigend: Speed over Ground waren trotz der 15 Knoten nach Log nur 7 Knoten, also hatten wir bedingt durch hohe Verdunstung des Mittelmeeres eine zur Mitte der Strasse von Gibraltar stärker nach Westen setzende Gegenströmung von über 6 Knoten, die auch der Grund für die ungewöhnlich steilen Wellen waren.


Der Wind wurde noch stärker, wir waren des Steuerns müde und ließen nur mehr die Sturmfock stehen. Unter Autopilot ging es mit nur mehr 7 Knoten Speed und unverändert hohen Wellen in die Nacht. Das war also der Atlantik. Fragen, wie ob ich mich überschätzt hätte oder ob das immer so weitergeht, quälten mich in dieser Nacht ungemein. Nicht genug, dass das Groß bei einer Patenthalse nur gebremst durch den Bullenstander eingerissen und 3 Mastrutscher zerfetzt waren - während einer Nachtwache, wo ich im Cockpit angehängt schlief während Conny den Autopiloten bewachte krachte plötzlich eine Welle derart über uns zusammen, dass ich neben der ohnehin schon außerordentlichen Luftfeuchtigkeit zusätzlich eine Komplettwäsche bekam und sich sogar Connys Automatikrettungsweste aufblies. Gott sei Dank war es Nacht und ich schlief - außer dem Krachen hatte ich nichts mitbekommen. Der nächste Tag versöhnte uns wieder mit dem Meer: Gemütlicher Wind und Flaute bescherten uns eine 50cm Goldmakrele die sorgsam filetiert und von Thilo in Knoblauch gebraten zu einem außerordentlichen leckeren Abendessen zubereitet wurde.
Mit Kartenspielen und süßem Dessertwein vertrieben wir uns die Zeit bis nun wieder ein angenehmer Nordwestwind einsetzte, der auf Nordost drehte und uns schließlich unserem Ziel Madeira mit ganz schönem Speed unter Spi schnell näher brachte. Knapp vor Porto Santo, wo wir einen Landfall geplant hatten, biss noch eine 4 Personen Goldmakrele an, die von Thilo wieder auf bewährte Weise in ein Abendessen verwandelt wurde. Vorerst musste ich sie allerdings noch filetieren, enthäuten und ausnehmen, was insgesamt schon an die 2 Stunden in Anspruch nahm. Nach etwas mehr als 4 Tagen fällt unser Anker vor Porto Santo und diese abwechslungsreiche Überfahrt geht zu Ende.